LeseprobeDer Spurenleser (Auszug aus Kapitel 6) Lucan hatte keinen Blick für das farbenfrohe Treiben auf den Straßen, sondern fragte sich hektisch nach dem Antikladen durch. Nach einer Viertelstunde des Suchens hatte er Pryces Geschäft gefunden. Er lief die Stufen zu dem Laden hoch, als er das Schild an der Tür bemerkte: «Bin kurz weg». Lucan stöhnte und versuchte trotzdem, ob die Tür zu öffnen war. «Inhaber Percy Pryce» stand noch auf dem Messingschild. Percy Pryce? Klingt wie die Figur aus einem Werbecomic. Ist das etwa sein Verkaufsname? Mißmutig blickte Lucan über die Schaufensterauslage. Konnten Liliths Sachen hier zwischen diesem Gerümpel sein? Und wenn ja, würde er sie erkennen? Aber nichts von den Dingen, die dort lagen, erregte seine Aufmerksamkeit, und so setzte er sich ungeduldig auf die Treppe und wartete. Es dauerte zehn Minuten, bis ein Mann mit einem langen, dunklen Zopf erschien. Er trug eine schwarze Lederhose mit passender Weste und dazu ein buntes Hemd mit Fransenbesatz. Er nickte Lucan zu, klimperte mit seinem Schlüssel und ließ ihn herein. «Sind Sie Mr. Pryce?» «Richtig.» «Ach, sehr schön», sagte Lucan erleichtert und lächelte dem Mann zu. «Sicherlich können Sie mir weiterhelfen. Sie haben vor kurzem aus Ripleys Antiquariat einige antike Sachen erstanden, die Lilith Gwyneth gehört haben. Erinnern Sie sich daran?» «Klar.» Der Mann blickte ihn an, als wollte er fragen: «Und?» «Ich wollte fragen, ob Sie die Sachen noch haben?» «Ja.» «Ja?» «Wie ich gesagt habe.» P. Pryce blickte ihn gleichgültig an. «Ich würde die Sachen gerne kaufen. Der Preis ist mir egal.» «Geht nicht.» «Äh, wieso? Was meinen Sie?» fragte Lucan nervös. «Geht nicht. Meine Frau will sie behalten, sie sammelt.» Was sammelt sie denn?, hätte Lucan am liebsten gefragt. «Ich... ich würde Ihnen wirklich ein gutes Angebot machen. Es ist mir sehr wichtig, diese Sachen zu bekommen, denn...» «Geht nicht, hab´ ich doch gesagt.» Lucan zitterten die Hände, und etwas hilflos setzte er wieder an. «Sehen Sie, ich ... ich ... bin über mehrere Ecken mit der Besitzerin dieser Sachen verwandt, es bedeutet mir also unendlich viel ...» «Wenn Sie sie nicht vererbt bekommen haben, dann wollte wohl niemand, dass Sie die Sachen haben, oder?» Lucan blickte den Pryce-Hippie fassungslos an. «Wie bitte?» «Die Sachen sind nicht verkäuflich, klar?» «Aber ich bitte Sie ... ich meine ... ich brauche diese Sachen, vielleicht lässt Ihre Frau mit sich reden, vielleicht könnte ich ihr erklären ...» «Ich sage nein. Sie bekommen sie nicht. So ist das und fertig.» Der Mann kratzte sich über das Kinn. Lucan war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren, denn er fühlte sich hilflos wie selten zuvor. Dieser unleidliche Lederhosen-Jemand wollte ihm Liliths Sachen, seine Sachen, nicht geben. Irgendeine Frau saß daheim, mit seinen Sachen ... Das darf nicht wahr sein! ... Lucan schluckte ein paarmal. «Wollen Sie was anderes kaufen?» fragte der Mensch ihn gelassen und zupfte ein paar orangefarbene Fransen an seinem Kragen zurecht. «Nein! Ich will nichts anderes, ich will ...» «Ganz ruhig, ja? Gehen Sie nach draußen und beruhigen Sie sich.» Es war eine mehr oder weniger subtile Aufforderung zu verschwinden, und Lucan verließ den Laden, denn er hatte den Drang, auf Mr. Percy Pryce einzuprügeln. Er ging ein paar Meter die Straße entlang und lehnte sich dann an eine Hausmauer. Was sollte er tun? Vielleicht konnte er Mr. Ripley bitten, mit diesem Menschen zu sprechen? Lucan schlug einmal auf die Fassade des Hauses, ratschte sich die Knöchel auf und wäre am liebsten in Tränen ausgebrochen. Mühsam versuchte er, sich zu ernüchtern, und fuhr schließlich in sein Hotel zurück. Er konnte es einfach nicht akzeptieren, die Sachen nicht zu bekommen, sie nicht einmal gesehen zu haben. Nach einer schlaflosen Nacht faßte er einen Plan. So unangenehm es ihm auch war, er musste noch einmal zurückfahren, er mußte wenigstens fragen, ob er ihre Habseligkeiten sehen oder gar berühren durfte. Fast ein wenig gedemütigt machte er sich am nächsten Tag gegen neun Uhr mitsamt seiner Kamera auf den Weg nach Notting Hill. Er schlich eine Weile durch die morgendlichen Straßen, ehe er Mut faßte und den Pryce-Laden wieder betrat. O heiliges Wunder! Nicht Percy Pryce, sondern eine hübsche rothaarige Frau saß in einem der Ohrensessel und strickte. Sie begrüßte ihn freundlich. «Guten Tag. Ist Mr. Pryce villeicht zu sprechen?» «Tut mir leid, der ist vormittags immer unterwegs. Kann ich ihnen weiterhelfen? Ich bin seine Frau.» «Oh», brachte Lucan nur hervor, und sah die Frau bittend an. «Ich war gestern schon einmal hier und ...» «Ach, Sie sind das», sagte sie etwas weniger freundlich und starrte ihn abwartend an. «Entschuldigen Sie bitte. Ich suche schon so lange nach den Hinterlassenschaften von Lilith Gwyneth ...» «Ich gebe Sie nicht ab.» «Darf ich Sie fragen, arum? Sind Sie von persönlichem Interesse für Sie?» «Ich wüsste nicht, was Sie das angeht ...» «Ich frage deshalb, weil sie eine Bedeutung für mich haben ... Ich .. Ich ...» Lucan brach ab und starrte auf den Saum des patchworkartigen Wollkleides der Frau. «Wenn ich nur einmal einen Blick darauf werfen könnte ... oder die Sachen photographieren dürfte, irgendwas, irgendeine Erinnerung ...» Die Frau legte ihr Strickzeug in ein Regal. «Warum?» fragte sie ihn, und er wußte, dsas er ihr eine gute Antwort schuldete. «Ich hatte den Verdacht, mit ihr verwandt zu sein ... ich habe mich sehr viel mit ihr beschäftigt und ihre Bücher gelesen ... Sie ist absolut verkannt, aber ich liebe ihre Arbeit. Was ich über ihr Leben erfahren habe, hat mich sehr berührt ...» Die Frau blickte zu Boden. «Hm.» Luncan sah sie an. «Bitte» sagte er schlicht. «Na schön, kommen Sie mit.» Lucan riß die Augen auf. Tatsächlich? Er konnte ihre Sachen sehen? «Danke.» Er war vollkommen beseelt. Schon kam das Bin-kurz-weg-Schild an die Tür, und Mrs. Pryce schloß den Laden ab. Lucan folgte ihr durch ein Hinterzimmer, das mit Weichholzmöbeln vollgestellt war, und eine knarrende Treppe hoch. In einer kleinen Kammer, die gemütlich bestückt war mit alten Photos, Schrankkoffern und Bücherregalen, kramte sie eine Kiste hervor. «Ich will die Sachen nicht abgeben», sagte sie noch einmal, «aber weil es Ihnen so viel bedeutet, dürfen Sie einen Blick darauf zu werfen.» Als erstes zeigte sie ihm ein silbernes Schreibset. Lucan stockte der Atem. O mein Gott, ihr Schreibset! Damit hatte sie geschrieben. Damit habe ich ... Er war sehr aufgewühlt und berührte behutsam das kalte Metall. Eine Unzahl an Gefühlen tobte derart heftig durch seinen Kopf, dass er Angst bekam, die Migräne käme wieder zurück. Ich muss es haben, es gehört mir! Ich brauche es zum Schreiben ... Er versuchte sich loszureißen. «Gibt es noch Manuskriptseiten? Ich meine, gibt es noch irgendwas Geschriebenes von ihr?» «Ja, ein paar Blätter. Ihre Tagebücher hatte sich leider schon jemand vor mir geschnappt, die sind weg.» «Kann ich ... kann ich die Seiten bitte sehen ...?» fragte er beinahe angstvoll, dass man ihm dies verweigern könnte. «Hm, ja, wenn Sie vorsichtig damit umgehen ...» Lucan sah zu, wie sie eine Schublade öffnete und ein paar Blätter herausfischte. Fiebrig griff er danach, und sein Blick irrte rasch über die erste Seite. Es war aus Yggdrasil, er kannte die Stelle ... mit Marginalien am Rande. Ihm wurde übel. Hektisch blätterte er weiter. Und hier ...? Verkommene Wahrheit ist der größte Schmerz und Feind. Und was ist das?Es waren mindestens zwei Seiten mit etwas, das er nicht kannte ... O mein Gott! Als er seine Kamera hervorheben wollte, dran eine Stimme zu ihnen hinauf. «Peggy?» «Oh, das ist Percy», sagte sie rasch. Augenscheinlich war es ihr sehr unangenehm, daß Lucan hier war. «Äh, es ist besser, wenn Sie jetzt einfach gehen.» «Aber ich ...» «Nein, bitte gehen Sie.» «Kann ich Photos machen ...?» «Nein ...», und schon wurde er zur Tür hinausgestoßen. Als er auf der Treppe Percy Pryce begegnete, flog er schneller aus dem Haus, als er Hippie zu ihm hätte sagen können. |
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