Warum es so wichtig ist, was man liest ...Wie wir in Bücherwelten leben In unserer stark von audiovisuellen Reizen geprägten Umwelt halten manche Kulturbeobachter das Medium Buch für überholt – zu eindimensional im Zeitalter von Onlinevideo und Weblink. Doch dieses rein an technischen Umständen orientierte Urteil vergisst unser Innenleben. Die an der University of Colorado wirkende Psychologin Nicole Speer und Jeffrey Zacks von der Washington University in St. Louis demonstrierten in einer Studie, wie wir unser Wissen um die Welt mit den in einem Text enthaltenen Informationen verknüpfen. Ihre Versuchsanordnung bestand darin, lesende Probanden mittels Neuroimaging zu verfolgen und zu zeigen, wie die neuronalen Bahnen im Gehirn das Gelesene abbilden. Dabei sind verschiedene Gehirnregionen involviert: Der Ort, an dem sich eine Romanfigur aufhält, wird in einem anderen Abschnitt verabeitet als die Absichten dieser Person. Das Gehirn zeigt hier eine Aktivierung, als hätten wir es in der Realwelt mit Begegnungen zu tun oder würden selbst handeln. Wenn wir beispielsweise lesen, dass eine Romanfigur, die uns berührt, den Vorhang aufzieht, dann zeigt sich im Gehirnscan ein Effekt, der mit einer Greifbewegung assoziiert werden kann. Stürmt die Heldin wutentbrannt aus dem Zimmer, ist im Lesenden die Raumempfindung aktiviert. Leser vollziehen nicht nur Handlungen, sondern auch Eindrücke mental nach. Das Team um Speer schlussfolgert daher, dass wir eine Erzählung verstehen, indem wir die Ereignisse der Geschichte im Kopf simulieren. Das ist ein aktiver Vorgang – wir sind also tatsächlich in der Lage, in einer Buchwelt zu «leben». (Aus: «Psychologie heute», Januar 2010) |
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