Leseprobe
Augenblick
wie es bebt und wie’s sich windet
wie es wächst und wieder schwindet
wie es anschwillt und verjährt
wie es stirbt und neu gebärt
wie es zerfließt und frisch verbindet
wie’s sich verliert und wieder findet
wie’s tobt und sündigt und vergibt
wie es sich türmt und hasst und liebt
als würd’ die Ewigkeit sich dehnen
als schmelze alles Glück und Sein
alles Verlangen alles Sehnen
in diesem Augenblick sich ein
(Tobias Pagel, 1. Platz aus: «Dem Schönen zuliebe»)
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Glücksgefühl
Einen Luftballon gekauft
und losgelassen
zugesehen wie er flog
von einem Windhauch getragen
der Sonne entgegen
flüchtig gehofft
dieser rote Punkt zu sein
wachgerüttelt vom Straßenlärm
meinen Weg fortgesetzt
nicht ohne ein wenig Freiheit
zwischen meinen Fingern
zu spüren.
(Fiona Feuz, 2. Platz aus: «Dem Schönen zuliebe»)
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(K)eine Geschichte
Der Weg nach Hause ist lang. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen und bin mir fast sicher, alles nur zu träumen. Aber das Geräusch meiner Absätze auf dem Asphalt, das leise Echo meiner Schritte und die Lichtkegel der Straßenlaternen sprechen flüsternd dagegen.
Ich denke daran, zu schreiben. Etwas wirklich Großes zu schreiben. Aus jedem einzelnen Schritt und der Kühle der Nachtluft eine Geschichte zu stricken. Etwas Poetisches vielleicht, eine Parabel vom Ende der Welt und vom Geschmack deiner Lippen. Darüber zu schreiben, dass es dich gibt.
Über dich zu schreiben, damit man dich nicht vergisst. Niemand wird wissen, wer du bist, aber alle werden dich kennen und dann wirst du unsterblich sein. Vielleicht kommt ein Mann in der Geschichte vor, der älter ist als die Zeit selbst und der die Weltformel kennt.
Oder vielleicht schreibe ich über einen Engel, der Höhenangst hat, über das Meer und eine Welt ohne Tod.
Ich frage mich, ob es wichtig ist, worüber ich schreibe, oder ob nicht die Worte allein genügen.
Ich denke an dich und ich denke an den Kuss, den es vielleicht gar nicht gegeben hat, weil ich doch alles nur träume. Und ich weiß, wenn ich zu Hause bin, werde ich nichts trinken können, weil ich die Berührung deiner Lippen nicht wegwaschen will.
Vielleicht hat meine Geschichte eine Moral, die ich nicht kenne. Dann kommen Kritiker mit roten Stiften und streichen überflüssige Wörter. Und streichen am Ende auch dich. Diskutieren über den literarischen Wert jeder Zeile. Zerpflücken meine Geschichte. Und am Ende auch dich. Sie verteilen Punkte, sechs von zehn vielleicht, oder keine.
Und am Ende verliere ich dich und unsere Geschichte und den Kuss, den es nicht gab.
Ich denke daran, nicht zu schreiben, nicht über Engel und nicht über dich.
Vielleicht hast auch du Höhenangst, du bist manchmal so zerbrechlich.
Wenn ich zu Hause bin, denke ich, radiere ich alle Seiten aus, auf denen ich über dich geschrieben hätte. Und dann binde ich ein Buch aus leeren Seiten, das niemand anders berühren darf.
(Laura Martena, 3. Platz aus: «Dem Schönen zuliebe»)
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Dem Liebsten
Eingewiegt in sanftes Schweigen,
Von ahnungsvoller Nacht umsäumt,
Lass uns tief und tiefer steigen,
In Sphären, wo die Seele träumt,
Wo heil’ge Laute Weisheit lehren
Und so der Stille Anmut mehren.
Vom Erdenschlummer zart umfangen,
Wenn leis der Herzen Inn’res bebt,
Werden wir das Glück erlangen,
In Welten, wo das Wahre lebt,
Wo uns des Zaubers Ton umschwirrt,
Dass gold’ner noch die Ruhe wird.
Die Sternenfelder wogten sachte,
Ein Glitzern schloss uns Aug’ und Ohr.
Schon als der Abend scheu erwachte,
Durchschritten wir des Wunders Tor,
Ein reines Wissen zu erfahren,
Das nur der Liebe Klänge wahren.
(Anna Reichert, 4. Platz aus: «Dem Schönen zuliebe»)
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Stille
Das geräusch
nachdem eine
bevor die nächste
schneeflocke
den boden berührt
(Irmi Wyskovsky, aus: «Dem Schönen zuliebe»)
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Fern von hier
Wie schon oft bin ich am Träumen,
liege im feuchten Gras und sehne mich nach Flügeln,
um mit den Vögeln zu den Wolken zu fliegen,
in ein Land, wo ich dich und mich suchen und finden werde.
Und abends, wenn es dunkel wird,
erwachen alle meine Erinnerungen an dich,
strömen leise herbei, diese Liebesgeister,
und hauchen mir deine Träume ein.
(Meret Gut, aus: «Dem Schönen zuliebe»)
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Kindisch schön
Kinder sind wie Glasperlen,
die unsere Welt so farbenprächtig machen.
Sie erleben jeden Tag Neues und Spannendes.
Sie genießen das Heute und überlegen nicht,
was morgen sein wird.
Wenn sie einen Baum in einer komischen Form sehen,
dann denken sie: «Ist das ein Monster?»
«Nein, sieht eher aus wie ein Gespenst.»
Erwachsene achten gar nicht mehr auf so etwas.
Sie sollten mit Kindern wandern gehen,
damit sie Neues entdecken und etwas lernen können.
Aber man sollte auch Pausen machen,
damit sich die Kinder nicht überfordert fühlen.
Kinder können ohne Spielsachen miteinander spielen
und kennen keine sprachlichen Grenzen.
Sie unterscheiden nicht aufgrund der Hautfarbe.
Kinder sollten Vorbild für die Erwachsenen sein,
denn sie führen keine Kriege.
Wenn sie mal Streit miteinander haben,
machen sie schnell wieder Frieden.
Ich bin nun 11 Jahre alt, und obwohl ich noch nicht alt bin,
vermisse ich die Zeit, wo ich noch so richtig kindisch war.
(Pascale Emmisberger, aus: «Dem Schönen zuliebe»)
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Dem Schönen zuliebe
Die Liebe lässt die Gesichtszüge des geliebten Menschen als vollkommenstes Kunstwerk auf Erden erscheinen.
Dabei ist jedes Lebewesen vollkommene Schönheit Gottes. Denn Gott schuf jedes Lebewesen, und Gott selbst ist vollkommene Schönheit.
Also ist die Liebe mehr ein Hinfortziehen eines menschlichen Schleiers, der unsere Sicht benebelte – hin zur vollkommenen göttlichen Schönheit in allem und jedem.
Gottes Fingerkuppe strich ebenfalls zärtlich die geschwungene Linie deiner Lippen nach, setzte einen klaren Bergsee in dein Auge und küsste den Geist weit auf deine Stirn. Er flüsterte einen frischen Hauch in deine Lungenflügel und erwärmte golden dein Herz.
(Maria R. Rossmanith, aus: «Dem Schönen zuliebe»)