Sehnsuche

Ronald Zürrer:

Sehnsuche

Poetische Texte 1981-2009.

Leseprobe

Keine Wahl

Sonnen steigen
Sonnen sinken
sie haben nicht die Wahl.

Erden drehen
Erden beben
sie haben nicht die Wahl.

Wellen branden
Wolken regnen
sie haben nicht die Wahl.

Meine Seele spürt Heimweh
mein Herz vermißt dich
sie haben nicht die Wahl.

Meine Finger schreiben
schreiben über dich
sie haben nicht die Wahl.

(Ronald Zürrer, 2009, aus «Sehnsuche»)

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Scherben

Weiß ich zuviel
von dieser Welt,
hab ich doch nicht genug
von ihrem Trug.

Hab ich genug
von dieser Welt,
weiß ich doch nicht wie
ohne sie.

(Ronald Zürrer, 2009, aus «Sehnsuche»)

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Verliebtsein und lieben

Verliebtsein ist
das berauschende Gefühl,
als verlörest du
den Boden unter deinen Füßen.

Lieben aber ist
zu erkennen und zu spüren,
daß es unter dir einen Boden gibt,
der dich trägt.

(Ronald Zürrer, 2008, aus «Sehnsuche»)

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Kein Denker

Forscher haben erforscht,
daß sie nicht weitertanzen,
wenn die Kerze erlischt,
daß keine Engel sie empfangen
und sie niemandem wiederbegegnen,
daß nichts ihrer wartet,
keine Seligkeit, keine Folter.
Ich
bin kein Forscher.

Denker haben erdacht,
daß sie als Krönung einer langen Entwicklung
zuhinterst thronen am Ende der Sackgasse,
daß keine Götter sie erschufen
und sie keinem Rechenschaft schulden,
daß ihr Tun und ihr Denken und ihr Sein
bloß Zufall sind und ohne Zweck.
Ich
bin kein Denker.

Wissende wußten schon immer
eine Antwort auf jede Frage,
eine Klärung für jeden Zweifel,
einen Trost für jeden Schmerz.
Ich
bin kein Wissender.

Ich
bin nur
ich,
ein Teil, ein Diener,
ein heimwehkranker Liebender.
Mehr ist nicht drin.
Mehr ist nicht.

(Ronald Zürrer, 2008, aus «Sehnsuche»)

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Es gibt noch Wunder

Es gibt noch Wunder, liebe Seele,
sie geschehen im Verborgenen,
meist ungeschaut, oft ungeahnt,
und doch stets ersehnt
und erfühlt.
Sie erquicken unseren Lebensweg,
sie beflügeln unseren Tanz,
sie erwirken unser zehenspitzenes Glück.
Sie geschehen um uns, in uns,
mit uns, durch uns.

Es gibt noch Wunder, liebe Seele,
es gab sie immer und
wird sie immer geben,
sie geschehen jederzeit
und allerorten.
Sie trösten unsere Schmerzen,
sie baden unser Herz in goldenem Glanze,
sie streuen Süße auf unseren Tag.
Sie erstaunen unsere Kinderseele
und erweitern unsere Grenzen.

(Ronald Zürrer, 2003, aus «Sehnsuche»)

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Mönch

Wie er wandert durch die Stille,
Durch den Nebel, durch die Nacht,
Nur geführt von Gottes Wille
Und von Engeln wohlbewacht,

Zweifelt nicht an Seiner Gnade,
Dürstet nur nach Seinem Glück,
Voller Sehnsucht auf dem Pfade,
Der uns führt nach Haus zurück.

(Ronald Zürrer, 2002, aus «Sehnsuche»)

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Prüfung

Um dich brausen Winde –
Schließ die Fenster zu.
In deinem Innern finde
Den Frieden und die Ruh.

Wo sich Gefahren ballen
Da hält dich Engelsband,
Und immer wirst du fallen
Beschützt in Gottes Hand.

Es kann dir nichts geschehen,
Das Spiel ist längst nicht aus.
Drum laß die Winde wehen,
Sie tragen dich nach Haus.

(Ronald Zürrer, 2000, aus «Sehnsuche»)

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Verloren

Ich gehöre nicht hierher,
nicht an diesen Ort und
nicht in diese Zeit.
Hier kann man solche
wie mich nicht brauchen.

Muß ich daher wechseln
die Zeit, den Ort, mich selbst?
Oder bin ich einfach unbrauchbar?
Vielleicht steht ja mein Name
irgendwo anders auf der Vermißtenliste.

(Ronald Zürrer, 1993, aus «Sehnsuche»)

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